Von der Realität zurück ans Reißbrett – ein Werknetz-Baukasten

Einführung

Auftaktbild

Das Prinzip Chaos: Grunden folgt (via Latour) Radulf von Caen nach Antiochia 1098. Eigene Darstellung.

Wer einmal versucht hat, Latours Netzwerk in eine visuell greifbare Form zu bannen, dürfte zu einem Resultat gelangt sein, das die Unmöglichkeit dieses Unterfangens vermutlich sehr bildlich darstellt: Ein Wald von Pfeilen und Verbindungen; Dutzende Personen und Dinge, die zu allem Überfluss auch noch überaus dynamisch miteinander zu Hybriden verschmelzen, um andere Akteure durch ihre neu gefundenen Bündnisse munter zu übersetzen. Und das alles nicht nur im dreidimensionalen Raum, sondern auch über einen gewissen Zeitraum hinweg.

Möglicherweise ist dieses Unterfangen ja bereits von vornherein zum Scheitern verurteilt und wir alle ziehen den Wunsch zur grafischen Fixierung in mindmap-artigen Konstrukten letztlich von dem irreführenden Versprechen, der Ameisenpfad könne als ein „Netzwerk“ auf dem Papier erstehen. Nicht von ungefähr räumt der Vater der ANT mittlerweile selber ein, die Netzmetapher hinke und man solle besser von einem „Werknetz“ als einem Netzwerk sprechen.

Inspiriert durch die erst kürzlich auf dem Blog erschienen Gebrauchsanleitung für das Verfassen von ANT-Texten, habe ich mich einmal daran gemacht, mich an einer ähnlichen Anleitung für die visuelle Fixierung von Latours Theorie zu versuchen. Eingeflossen sind dabei verschiedene Konventionen, die sich im Rahmen der Seminardiskussionen herausgebildet haben, sowie die unvermeidlichen unterschwelligen Eigeninterpretationen. Die Überlegung, ein Grafikprogramm für das Nachstehende zu rekrutieren, habe ich rasch wieder verworfen. Lieber möchte ich zur Visualisierung ein Bündnis mit Stift und Zettel eingehen, da mir beide die gängigsten Werkzeuge scheinen, mit denen der Historiker sich seiner Notizen zur Arbeit mit der ANT annimmt.

Akteure, Aktanten und Ideen

Der Ausgangspunkt jedes Netzwerkes sollten die Akteure sein. Das verwundert wohl nicht, immerhin ist unser Motto, ebendiesen zu folgen. Wer auch immer in unserem Szenario einen Unterschied zu machen scheint, wird hier aufgeführt. Grundlegend können wir davon ausgehen, dass uns in einem Netzwerk zwei „Arten“ von Entitäten begegnen: geschlossene Akteure und potentiell zu öffnende Blackboxen. Diese sollen vorerst einmal unverbunden auf dem leeren Blatt stehen. Die Darstellungs-Konventionen werden im Folgenden kursiv vermerkt.

  • Akteurarten. Von der Überlegung, menschliche, nicht-menschliche und rein aus Ideen bestehende Akteure voneinander zu trennen, habe ich mich mittlerweile verabschiedet. Immerhin ist der Sinn der ANT, nicht zwischen Akteur-Typen zu unterscheiden, indem man sie etwa durch das Label „Mensch“ bereits vorweg mit einer Erwartungshaltung auflädt – was ein Akteur kann und was er nicht kann, soll das Netzwerk aufzeigen. Letztlich trug der Versuch, die drei Gruppen durch farbliche Hinterlegung voneinander abzugrenzen, nur auf einer Meta-Ebene den Alleinstellungsmerkmalen der ANT Rechnung. Wer sich darauf einlässt, auch Nicht-Menschliches als handlungsfähige Entität zu begreifen, sollte auf eine derartige Gedankenstütze verzichten können. Akteure werden durch Niederschrift ihres Namens dargestellt.
  • Blackboxen

    Das Szenario Antiochia 1098: Kreuzfahrerheer und Türkenheer treten beide als Blackbox auf, jedoch aus verschiedenen Gründen. Die scheinbare Einheit der Kreuzfahrer wird sich im weiteren Verlauf des Netzwerkes über das Bündnis mit der Lanze spalten, das Türkenheer dagegen verbleibt aus Sicht der Belagerten eine undifferenzierte Masse. Eigene Darstellung.

    Blackboxen. Letztlich sind alle Akteure, mit denen wir arbeiten, auf die eine oder andere Art Blackboxen. Warum aber diese überhaupt in einem Netzwerk spezifisch kennzeichnen? Meines Erachtens gibt es zwei Anlässe, die das notwendig machen: 1) Mein Szenario sieht vor, dass ein Akteur diese Blackbox aufbricht und darunterliegende Akteure zum Vorschein bringt. 2) Ich integriere einen Akteur, der sich einem asymmetrischen Verhältnis zu dem Maßstab der übrigen Akteure befindet, weil ich beschlossenen habe, ihn zur Vereinfachung der Darstellung zu reduzieren – man denke hier etwa an eine Konstellation von Einzelpersonen, die mit einer nicht notwendigerweise weiter zu differenzierenden „Menschenmenge“ interagieren. Als Blackbox aufgefasste Akteure werden durch einen dicken, schwarzen Rahmen um den Namen dieses Akteurs gekennzeichnet.

  • Einschreibungen. Die Einschreibung eines Akteurs ist eine gewichtete Zusammenfassung dessen, was er in seiner Blackbox verbirgt, oder eine Eigenschaft, die er durch seine Interaktion im Netzwerk erhält. Das „White Ship“ verfügt über die Einschreibung „Seetransport“, die Heilige Lanze über die Einschreibung „Siegbringerin“. Auch wenn der Begriff dies suggeriert, wäre es nicht konsequent, die Einschreibung mit dem Akteur darzustellen, da eben dieser ja nicht aus sich selbst heraus, sondern durch seine Interaktion im Netzwerk erst einen „Charakter“ gewinnt. Einschreibungen werden als Vermerk auf zu dem entsprechenden Akteur hinführenden Verbindungspfeilen dargestellt.

Im Pfeillabyrinth

Alle Akteure in einem Netzwerk stehen in irgendeiner Form in einer Verbindung zu mindestens einem anderen Akteur. Weist ein Netzwerk eine Entität auf, die nirgendwohin verknüpft scheint, kann sie getrost aus der Gleichung gestrichen werden, macht sie offenbar im gegebenen Szenario keinen Unterschied. Die Verbindungen füllen nicht nur die Akteure mit Bedeutung, sie sind auch eine Möglichkeit, der Momentaufnahme des Netzwerkes eine gewisse Dynamik zu verleihen – durch verschiedene Pfeile können Entwicklungen verdeutlicht, Reaktionen auf andere Verbindungen aufgezeigt und auch die Auflösung von Verbindungen vermerkt werden. Letzteres ist mit einem Akteur nicht möglich.

Eigentlich, so scheint es, gibt es nur eine Art von Verbindung: Das Bündnis, das signalisierte Interagieren zwischen zwei Akteuren im Netzwerk. Diese Vorstellung ist eigentlich überaus abstrakt. Daher habe ich im Folgenden auch einige andere Spielformen von Verbindungen berücksichtigt, die in unseren eigenen Beschreibungen im Verlauf des Seminars und auf den Blog-Beiträgen Anwendung gefunden haben.

  • Bündnis-Klassiker

    Der Klassiker. Verbrecher und Pistole gehen ein Bündnis ein und werden damit zum Mensch-Waffe-Hybriden. Weitere Übersetzungen anderer Netzwerk-Teilnehmer stehen zu erwarten. Eigene Darstellung.

    Bündnis. Das Bündnis ist die grundlegende Art, Interaktionen zwischen Akteuren darzustellen. Im Prinzip ist jede der unten stehenden Formen nur eine Interpretation, die auch durch mehrere Bündnisse darstellbar ist. Bündnisse werden durch einen beidseitigen Pfeil dargestellt.

  • Zwischenglied. Das Zwischenglied ist ein Kuriosum der ANT, da es als Teil eines Netzwerk aufgeführt wird, ohne einen Unterschied zu machen. Daher würde ich von der Aufführung von Zwischengliedern absehen, sofern sie nicht bereits Teil des Netzwerkes sind, da sie an anderer Stelle einen Unterschied machen: Etwa ein Bote in Verhandlungen macht einen Unterschied, wenn er verspätet mit einer Nachricht eintrifft. Damit hat er sich einen Platz in Netzwerk verdient. Erfolgt sein Botengang bei der Rückmeldung dagegen reibungslos, wäre es in diesem Falle müßig, ihn zu vermerken, wenn er nicht ohnehin schon integriert wurde. Zwischenglieder sind Akteure, die von einem Verknüpfungspfeil zwischen zwei anderen Akteuren passiert werden.
  • Rekrutierung. Eine Rekrutierung ist ein gewertetes Bündnis, indem eine Verbindung auf den Impuls des rekrutierenden Akteurs zurückgeführt wird. Sie wird durch einen einseitig deutenden Pfeil vom rekrutierenden zu rekrutierten Akteur dargestellt.
  • Übersetzung. Eine Übersetzung ist eine Rekrutierung, in welcher ein Akteur die Einschreibung (s.o.) eines anderen Akteurs ändert. Dieser Vorgang ist nicht ohne Problematik, da sich eine Veränderung eines Akteurs eigentlich die Schaffung eines (zeitlich) neuen Netzwerkes erfordert – ein Akteur, dessen Einschreibung sich durch eine Waffe in „tot“ geändert hat, erfüllt im gegebenen Netzwerk mit großer Wahrscheinlichkeit eine gänzlich andere Rolle, als mit der Einschreibung „lebendig“. Der Rekrutierungspfeil wird durch einen schriftlichen Vermerk ergänzt.
  • Bündis-Lösung

    Wie zu erwarten stand, war das Bündnis von Verbrecher und Waffe wohl nicht ohne Hintergedanken. Frisch zum Hybriden erwachsen löst das Waffe-Mensch-Bündnis die Verknüpfung zwischen Frau und Handtasche – freilich, um letztere für sich zu rekrutieren. Eigene Darstellung.

    Lösung. Meine Zeichnungsversuche haben ergeben, dass die Darstellung eines „negativen“ Bündnisses die Umsetzung des Netzwerkes erleichtert. Viele Abläufe in einem Netzwerk basieren auf dem Versuch, Bündnisse einzugehen, um andere Bündnisse zu lösen. Auch hier verlässt das aufgezeichnete Netzwerk eigentlich den Status der aktuellen Momentaufnahme, da durch eine Lösung notwendigerweise auf eine andere, bereits vollzogene Entwicklung reagiert wird. Um eine Lösung darzustellen, wird ein entsprechender Verbindungspfeil (egal ob Bündnis, Rekrutierung oder Übersetzung) mit einem X gekennzeichnet.

  • Blackbox öffnen

    Das Bakterium macht einen Unterschied und lässt den Mensch erkranken. Erst jetzt springt die Blackbox auf und zeigt uns, was so alles in der scheinbar unteilbaren Entität „Mensch“ den Dienst versagen kann. Eigene Darstellung.

    Öffnung. Eine Öffnung ist im Prinzip die Lösung eines Bündnisses, mit dem Unterschied, dass die nunmehr getrennten Akteure bis dato ihr Dasein im Dunkel der Blackbox gefristet haben. Dies stellt sicherlich eine der schwierigsten Umsetzungen in ein visuelles Netzwerk dar, immerhin werden hier im Prinzip neue Akteure geschaffen, während ein alter Akteur in seiner Existenz obsolet wird. Das Öffnen der Blackbox wird durch einen Rekrutierungspfeil dargestellt, der die Blackbox passiert und sich in darunter befindliche, durch eine kreisförmige Umrandung gekennzeichnete „neue“ Akteure gabelt.

Dynamik!

Das vielleicht größte Problem des ANT-Netzwerkes ist seine begrenzte Darstellbarkeit von zeitlichen Abläufen, die dem Ganzen den statischen Charakter einer Momentaufnahme verleihen. Wer einmal mit den oben genannten Darstellungs-Formen experimentiert, wird schnell merken: Wo dynamische Abläufe dargestellt werden sollen, sind die Akteure selbst gegenüber den sie verbindenden Pfeilen von eher nebensächlicher Bedeutung. Tatsächlich spielt sich das Netzwerk zwischen den Pfeilen ab: Der Verbrecher, der sein Opfer in eine Geisel übersetzt, tut dies in einem Bündnis mit seiner Waffe. Im Netzwerk ist es also das Bündnis von Mann und Waffe, der doppelseitige Bündnispfeil, von dem aus ein Übersetzungspfeil die Einschreibung des anderen Mannes in „Geisel“ ändert. Ganz ähnlich ist es die Aufgabe der Lösung, Pfeile zwischen anderen Akteuren zu negieren. Verbindungen verknüpfen sich im Wesentlichen mit Verbindungen, nicht mit Akteuren.

Bündnis-Dilemma

Mexican Standoff? Ohne eine klare Angabe von zeitlichem Ablauf wird es schnell schwierig zu entscheiden, wer hier mit wem ein Bündnis eingeht – und als Reaktion worauf. Eigene Darstellung.

Seine Grenzen hat ein Netzwerk spätestens da, wo zwei Akteure, die bereits über eine Verknüpfung verfügen, eine neue Verknüpfung erhalten. Gelingt es der Geisel, das Bündnis von Verbrecher und Waffe zu negieren und seinerseits zum Mensch-Pistole-Hybriden zu werden und nunmehr den ehemaligen Peiniger zum Gefangenen zu übersetzen, muss das in einem Netzwerk zur Verwirrung führen: Beide Männer hätten auf dem Papier nun scheinbar dieselbe Verknüpfung zum dritten Akteur Waffe. Das klingt in diesem Drei-Entitäten-Stück noch recht überschaubar, dürfte aber in größeren Netzwerken mit zahlreicheren Akteuren und zahlreicheren Verknüpfungs-Varianten der Suche nach einer Verknüpfungs-Reihenfolge überaus schnell das Genick brechen. Immerhin: Je komplexer das Netzwerk ist, umso selbsterklärender verbleibt seine Darstellung, da sich weniger schnell das scheinbare Paradox einer direkten Spiegelung von Verbindungen ergibt.

Schauspiel in drei Akten

Spätestens an dieser Stelle müsste man zu weiteren Tricks greifen, und etwa durch das Definieren eines obligatorischen Passagepunkts – in diesem Fall wohl dem Handgemenge um das Bündnis mit der Waffe – ein neues Netzwerk beginnen. Wer sein Netzwerk um den einen Ring, seinen MacGuffin, herum erwachsen lässt, könnte sich möglicherweise an dessen Signifikanz für das Szenario orientieren: Ein erstes Netzwerk für die Ausgangssituation ohne den Ring, ein zweites für den Moment, indem unser im Fokus stehende Akteur hinzutritt, und schließlich ein drittes, indem der MacGuffin zwar noch präsent ist, nicht aber durch die Tatsache seiner Ergänzung sichtbare Bewegung im Konzept sorgt.

Der Historiker möchte das an dieser Stelle möglicherweise durch das Rekrutieren eines andersfarbigen Stiftes um eine weitere Dimension ergänzen, und ausgehend von den selben Akteuren das Pfeillabyrinth um die Aussagen einer gegenläufigen, zweiten Quelle ergänzen. Das schmeichelt zwar nicht der Übersicht, macht aber Multiperspektivität im zweidimensionalen Raum möglich.

Auch könnte man sich durch das Rütteln an den Blackboxen inspirieren lassen: Wo ein Netzwerk die mysteriöse Kiste aufstößt, mag man beherzt zum nächsten Blatt Papier greifen, und das alte Netzwerk neu aufzeichnen – nur dieses Mal den schwarzen Rahmen durch die in ihm zum Vorschein kommenden „neuen“ Akteure ersetzen.

Wer diesem Ansatz folgt, bändigt die Darstellung von Zeit allemal besser als das tanzende Chaos eines Walds von Pfeilen, beugt sich aber letztlich eindeutig der narrativen Logik eines klar erkennbaren Handlungsbogens.

Ausblick

Der vorgelegte Systematisierungsversuch versteht sich in bester Latour-Tradition als ein Experiment, das durchaus scheitern mag, und das möglicherweise auch sollte. An dieser Stelle habe ich lediglich versucht, das eigene Vorgehen in einen blog-konformen Text zu übersetzen, in der Hoffnung, in der unten stehenden Kommentarsektion meinerseits in eine solidere Variante übersetzt zu werden. Vielleicht sind die Gedankengänge über große Strecken verwerflich, vielleicht lassen sich Kleinigkeiten korrigieren. Möglicherweise ist es auch überhaupt nicht sinnig, die ANT auf ein Blatt Papier bannen zu wollen. Aber auch das macht nichts – es war schließlich alles nur ein Versuch.

Mittler und Zwischenglieder – eindeutig definiert?

„Mittler“ und „Zwischenglieder“ sind „zwei der sehr wenigen technischen Ausdrücke“ (NS 69), die Latour in seiner Neuen Soziologie einführt. Die „gewaltige“ Bedeutungsdifferenz zwischen den beiden Termini sei das „Schibbolet“ des ganzen Buches. Anscheinend kommt ein ANT-Soziologe oder -Historiker tatsächlich nicht an diesen beiden Wörtern vorbei; im Seminar und auch hier auf dem Blog fielen sie öfters. Ich persönlich vermied sie, da mir die Bedeutung nicht ganz klar war – und eine erneute Lektüre der einschlägigen Passage erweckte (vorläufig?) den Eindruck, dass dieses Unverständnis einigermaßen sachgemäß war.

„Ein Zwischenglied ist […] etwas, das Bedeutung oder Kraft ohne Transformation transportiert: Mit seinem Input ist auch sein Output definiert. […] Mittler andererseits […] übersetzen, entstellen, modifizieren und transformieren die Bedeutung oder die Elemente, die sie transportieren sollen.“ „Aus ihrem Inpuit lässt sich ihr Output nie richtig vorhersagen“. (NS 70) Man könnte auch sagen: Der Mittler „macht einen Unterschied“, das Zwischenglied nicht. Diese auf den ersten Blick klare Unterscheidung lässt sich in zwei Weisen deuten, liefert beide Interpretationen ohne klare Abgrenzung direkt hintereinander:

1. Für die erste Deutung dieser Unterscheidung stellt Latour einen funktionierenden und einen nicht funktionierenden Computer einander gegenüber (70). Ersterer transformiert, strenggenommen, durchaus die Information, die er erhält: in elektrische Signale, in optische Phänomene auf dem Bildschirm, evtl. (sofern er als Kommunikationsmittel dient) in Informationen im Kopf des Empfängers, vielleicht gar in resultierende Handlungen. Er ist ein Akteur, der ein ebenso riesiges Netzwerk hinter sich hat wie unsere wohlbekannte Kaffeetasse (nach dieser Definition ein bloßes Zwischenglied). Er macht einen Unterschied, insofern sehr vieles sehr anders wäre, wenn er nicht da wäre oder sein Output nicht erwartungsgemäß ausfiele. Allein: Das ist nicht der Fall. Nur dieser Umstand macht ihn zum Zwischenglied.

2. Statt zweier Gegenstände stellt Latour hier zweimal zwei Deutungen desselben Gegenstands gegenüber: Das Wappen (68f) und den Seiden- bzw. Nylonstrumpf (71f)einerseits als „Ausdruck“ einer auch ohne sie bestehenden sozialen Struktur einerseits, als mitkonstituierendes Element dieser Struktur, Mitbürger der (auch) durch ihn erst sozialisierten Menschen, andererseits. Klar, dass sich Latour für die zweite Deutung entscheidet.

— Die unterschiedlichen Beispiele, die Latour für die Mittler-Zwischenglied-Unterscheidung gibt, scheinen nicht recht kompatibel.

Nach der ersten Interpretation wäre auch der latourmäßig gedeutete Seidenstrumpf zu allermeist ein bloßes Zwischenglied: immer dann nämlich, wenn er zwar „Informationen transformiert“, für die soziale Stellung der Trägerin „einen Unterschied macht“, aber eben den Unterschied macht, den Output liefert, den sie beabsichtigt hat. Nach dieser ersten Deutung umgeben uns zwar zu wenige, aber doch sehr viele zumindest temporäre Zwischenglieder (sogar menschlicher Natur): all das, was verlässlich und berechenbar ist.

Nach der zweiten Interpretation wäre auch der tadelloseste Computer permanent ein Mittler: Selbst wenn man ihn nur im Freizeitbereich verwendete, wäre die Gesellschaft nicht die selbe ohne ihn. Es ist bezeichnend, dass Latour für diese zweite Interpretation kein Beispiel für ein echtes Zwischenglied nennen kann, sondern auf die (wie er meint) Fehldeutung verweisen muss, die Bourdieu & Co. den Seidenstrümpfen etc. geben: Zwischenglieder gäbe es viele, wenn diese Leute recht hätten.

Es handelt sich, so mein Eindruck, um zwei verschiedene Unterscheidungen, die Latour mit dem selben Begriffspaar benennt. Was haben die beiden miteinander zu tun?

Ich glaube, es handelt sich um ein Wahrnehmungsproblem. Ein Mittler im Sinne der zweiten Interpretation ist nur dann als solcher nachweisbar, wenn er zugleich ein Mittler im Sinne der ersten Interpretation ist: wenn sich also aus der Empirie oder per Gedankenexperiment aufzeigen lässt, was passiert, wenn er nicht oder nicht erwartungsgemäß funktioniert. Damit etwas „einen Unterschied“ macht, müssen dem Betrachter mehrere „unterschiedliche“ Situationen vorliegen. — Vermutlich müsste man Latours erkenntnistheoretische Prämissen, den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, herausarbeiten und diskutieren, um adäquat über diese Problematik sprechen zu können.

Eine neue Soziologie für eine alte Gesellschaft

waschzLange schon habe ich mich dem Gedanken getragen, eine auf das Notwendigste reduzierte ‚Gebrauchsanleitung‘ für mediävistische ANT-Berichte zu verfassen . Ebenso oft habe ich das Vorhaben mutlos wieder aufgeschoben. Der folgende ‚Waschzettel‘ sei daher ausdrücklich als Provisorium gekennzeichnet. Er wird – wie ein ANT-Netzwerk – zudem womöglich fluide sein. Ich behalte mir vor, nötigenfalls Korrekturen und Einschübe vorzunehmen. Da wordpress die älteren Versionen nicht vorhält, werde ich grundlegende Änderungen in der Kommentarsektion angeben. Dort findet sich auch der Raum für Ergänzungsvorschläge, die mir stets willkommen sind.

  1. Suche Sie Ihren Akteur aus

Empfohlen wird ausdrücklich der Singular. Die Konzentration auf eine Entität oder zumindest ein sehr kleines Kollektiv hilft dabei, den Überblick zu bewahren. Lassen Sie also diesen Akteur zu Ihrem „MacGuffin“ werden. Dem „einen Ring“ durch die Zeiten zu folgen produziert allemal einen besseren Text, als alle Akteure gleichgewichtig zu behandeln. Und da der Ring womöglich für Frodo ein anderer ist als für Sauron, entgehen Sie der Notwendigkeit, am Ende mit mehreren „einen“ Ringen operieren zu müssen.

  1. Rekrutieren Sie Ihre Mitspieler

Eigentlich müsste es heißen: Lassen Sie sich rekrutieren. Denn viele Akteure machen sich selbst bemerkbar, präsentieren sich als unverzichtbar und bemühen sich, Sie auf Ihre Seite zu ziehen. Wer wollte es ablehnen, von seinen „Informanten in Bewegung gesetzt zu werden“ (NS, S. 85)?

Gleichwohl liegen nahezu alle relevanten Größen aus Sicht des Historikers in Quellenform vor. Und diese sprudeln bekanntlich nicht von selbst, sondern bedürfen erst des fragenden Interesses ihrer Interpreten. Dies gilt besonders für jene leisen Stimmen, die im Konzert der Kräfte kaum bemerkbar unterzugehen drohen. Latour schreibt zu Recht: „Es gibt keine Gruppe ohne irgendeine Art von Rekrutierungsoffizier“ (NS 58). Schlüpfen Sie in diese Rolle!

  1. Rekrutieren Sie entlang direkter Verbindungen
Rekrutierungsplakat, um 1916. Bild: wikipedia/Hux

Rekrutierungsplakat, um 1916. Bild: wikipedia/Hux

Netzwerke sind potentiell unendlich. Um sie überschaubar zu halten, genügt es nicht, sich einen Akteur als Fixpunkt zu wählen. Auch die Zahl der betrachteten Assoziationen wäre nach klaren Kriterien zu kontrollieren. Einen Vorschlag von Herrn Bovenkerk im Seminar aufgreifend: Behandeln Sie solche Verknüpfungen mit Priorität, die für Ihren Ausgangsakteur unmittelbar einen Unterschied machen. Beziehen Sie all das ein, was ihn auf direktem Wege „zum Handeln bringt“. Hier darf eine gewisse Vollständigkeit eingefordert werden, während alle weiteren Assoziationen in die Kategorie erklärender Exkurse fallen.

  1. Beachten Sie Gravitationsfelder

Aus was genau bestehen die Fäden des Netzwerkes? Aus (rekonstruierten) Handlungen? Vielleicht sollte man sie besser als Vektoren oder Kraftfelder sehen, die neben kinetischer auch potentielle Energie einschließen. Durchleuchten Sie also auch die dunklen Ecken ihres Untersuchungsfeldes. Mitunter mag zudem kontrafaktisches Denken helfen, um stillen Kräften auf die Spur zu kommen. Seinen Aufschrei „Keine Spur, also keine Information, also keine Beschreibung“ (NS, s. 259) hat Bruno Latour auf diesem Blog ja selbst revidiert.

  1. Nutzen Sie Abkürzungen

Ein ganz und gar ANT-widriger Ratschlag? Nicht ganz, denn sich eines Sammelbegriffes zu enthalten nennt auch Bruno Latour „töricht und pedantisch“ (NS, S. 27). Es sollte demnach ausdrücklich gestattet sein, eine Blackbox geschlossen zu halten, solange dieses Blackboxing bereits zeitgenössisch funktioniert hat. Bei modernen Konstruktionen wie „Staufer und Welfen“ ist dies zu Recht hinterfragt worden. Aber die „Chiffre“ Friedrich Barbarossa mag bis zu einem gewissen Punkt eine solche bleiben. Faustregel: Je weiter eine Blackbox vom Ausgangsakteur entfernt ist, desto unwichtiger wird es, sie zu öffnen.

  1. Übersetzen Sie Ihre Akteure

Rekrutierung ist erst der Anfang. Als nächstes müssen Sie die Dinge ‚in Ordnung bringen‘ – letztendlich in die Ordnung eines geschrieben Textes. Zu Recht ermahnt uns Bruno Latour: „Wir schreiben Texte, wir schauen nicht durch eine Fensterscheibe“ (NS, S. 212) oder prägnanter: „Es gibt keine In-formation, nur Trans-formation“ (S. 257). Ein mehrdimensionales Netzwerk findet sich im Format einer Zeile für Zeile fortschreitenden Zeichengeflechts wieder – ein Musterbeispiel für eine ‚Übersetzung‘ im Sinne der ANT.

Wenn also ohnehin ‚übersetzen‘ müssen, dann machen Sie es richtig. Ist es nicht nach Max Weber unsere genuine Aufgabe, „Ordnung in das Chaos derjenigen Tatsachen zu bringen, welche wir in den Kreis unseres Interesses jeweils einbezogen haben“? Wäre nicht jede Interessenlosigkeit des Erzählers eine fatale Fiktion? Übersetzen Sie also ruhig soweit, bis sich eine lesbare Erzählung mit einem verständlichen Plot ergibt. Haben Sie dabei Vertrauen in die Widerstandskraft Ihrer Akteure. Diese sollten stets in der Lage sein, überzogenen Übersetzungsversuchen ein Gegenprogramm entgegenzusetzen. Etwa, indem sie böswillige Rezensenten für sich rekrutieren.

  1. Bilden Sie Zeit-Schichten

Sie folgen einem Akteur und erhaschen damit einen Blick auf ein stets fluides Netzwerk. Wieder sei an Latour erinnert: Anders als das Fischernetz könne man das ANT-Werknetz nicht an die Wand hängen, weil es sich ständig wandle. Möglich sind gleichwohl Momentaufnahmen entlang der chronologischen Achse. Diese uns Historikern vertraute Strategie macht die ANT zu einem effektiven Werkzeug der Erfassung geschichtlichen Wandels.

  1. Es gibt ihn doch: Den Plot

„Ein Text, in unserer Disziplin, ist keine Geschichte, keine schöne Geschichte“ (NS, S. 258), so der Soziologe Bruno Latour. Der Historiker Jan Keupp hält dagegen: In unserer Disziplin ist er es doch! Warum sähen, wenn man am Ende nicht ernten will? Wozu schreiben, wenn man nichts zu sagen hat? Schon um der Leser willen, die wir für unseren Text rekrutieren konnten: Lassen Sie Ihr Netzwerk am Ende des Textes nicht zu nichts zerfallen. Sichern sie ihm Beständigkeit, indem sie es anschlussfähig für andere machen. Indem Sie Assoziationen zu Forschern, Thesen, Theorien und Meistererzählungen herstellen. Kurz: Bringen Sie Ihr Ergebnis auf den Punkt.

Aus Hollywoods Trickkiste: Ein schottischer Berglöwe wird zum Handlungsmotor auf der Ameisenstraße

HollywoodSign

Hollywood-Schriftzug, Foto: Sörn/Flickr cc by-ca 2.0

Folgt man der „Heiligen Lanze“ bis in ihre neuzeitliche Rezeption zu zeitgenössischeren Rekrutierungsversuchen aus der Unterhaltungsindustrie, weist ein entsprechend nachgezeichnetes Netz ein auffällig wiederkehrendes Muster auf: In Richard Wagners Parsifal-Inszenierung wird Besitz und Einsatz des heiligen Speers zum Schlüsselmoment der Handlung, Spielfilm-Archäologie Indiana Jones sucht in einer Fortsetzung seiner Leinwandabenteuer im Comicstrip ein Bündnis mit der vermeintlichen Wunderwaffe einzugehen, bevor Adolf Hitler per ihr eingeschriebener Unbesiegbarkeit die Nationen der Welt Sklaven des Deutschen Reichs übersetzen kann, und „The Librarian“ Flynn Carson strebt nach ihrem Besitz, um den Bestand der fiktiven „Metropolitan Public Library“ zu veredeln. Eines haben alle diese Fälle gemeinsam: Die Heilige Lanze fungiert als Impuls, ein Werknetz aus (rein menschlichen?) Akteuren zu entfalten, die allesamt in der ein oder anderen Form nach einem Bündnis mit ihr streben. Ganz ähnlich ist es eigentlich auch damals in Antiochia gewesen.

Die Filmindustrie kennt für dieses Phänomen, durch ein „Objekt“ eine Handlung in Bewegung zu setzen, einen Begriff: den „MacGuffin“. Für Jünger des Ameisengottes unmittelbar einleuchtend erscheint das diesbezügliche Erklärungs-Angebot des Reclam Lexikons der Filmbegriffe: Nach diesem verbirgt sich hinter dem eigentümlichen Namen ein …“dramaturgisches Element, das die gesamte Handlung des Films motiviert und in Gang bringt.“1 Beispiele dafür kennen wir von der großen Leinwand zur Genüge: Die immer wiederkehrende „Indiana-Jones-Formel“ der Jagd nach verlorenen Schätzen, der mysteriöse Koffer in Pulp Fiction, dessen Inhalt dem Zuschauer niemals offenbart wird, oder aber die 40.000 Dollar Bargeld in Alfred Hitchcocks Psycho, die alle Protagonisten überhaupt erst zum schicksalhaften Bates Motel führen. Der MacGuffin macht einen Unterschied zwischen 90 Minuten Unterhaltungskino und deren Ausbleiben, da es sonst scheinbar nichts zu erzählen gäbe.

Dass gerade der „Master of Suspense“ sich dieses filmischen Kniffs bedient, ist nicht überraschend, denn immerhin wird der MacGuffin im Wesentlichen auf ihn zurückgeführt.2 Die Definitionsversuche der britischen Regie-Ikone erschöpfen sich jedoch in einer recht kryptischen Parabel: Zwei Personen in einem Zugabteil unterhalten sich über den Inhalt eines Koffers, den der eine als einen „MacGuffin“ bezeichnet, einem nicht näher definierten Werkzeug zur Jagd nach Löwen im schottischen Gebirge. Auf die Anmerkung, es gebe überhaupt keine solchen Wildkatzen in dieser Region, spricht der Besitzer des Koffers selbigem seine Qualität als MacGuffin ab. Das Gespräch endet, eine Jagd im Gebirge findet nicht statt, der Koffer verkommt zur Nutzlosigkeit. Genauer als in diesem aus einem Interview mit Truffaut entnommenen Beispiel erklärt der Regisseur das Konzept leider nie. Zweierlei lässt sich daraus dennoch ziehen: Die durch unspezifische Beschreibung des „Objektes“ (womöglich eine Blackbox?) erwirkte relative Austauschbarkeit dieses Akteurs und die notwendige Verknüpfung innerhalb des Werknetzes, welches der jeweilige Spielfilm spannt. Die Aufgabe eines MacGuffin ist es, auf die Akteure der jeweiligen Narrative einzuwirken und eine handlungsentwickelnde Reaktion zu reizen – oder schlichter gesagt: einen Unterschied zu machen.

Für Anton Fuxjäger, der dem Phänomen wissenschaftlicher auf den Grund geht, verbleibt das ominöse Jagdgerät für schottische Berglöwen dennoch zuvorderst ein passiver Impuls: Es darf „wenig bis keinen Einfluß“ auf die aktiven Akteure haben, denn ansonsten würde es nämlich, wie Fuxjäger dankbarerweise an anderer Stelle vermerkt, etwa in einem Kampf um den Besitz ebendieses Objektes „… einen Unterschied machen, ob die beiden Männer einander Geldscheine oder eine Atombombe zu entreißen versuchen.“3 Latour mag hier zu Recht triumphierend die pauschale Abgrenzung von Menschen und Dingen anprangern – immerhin motiviert der MacGuffin die übrigen Akteure aus sich heraus, sich auf die Suche nach ihm oder in einen Kampf um ihn zu begeben. Und das auch nur, weil er über irgendeine Form von – um sich einmal des ANTwerkzeugs zu bedienen – potentieller Energie verfügt: Indiana Jones lässt sich von der Bundeslade zur Suche nach ihrem Aufenthaltsort rekrutieren, in dem Wissen, dass ein Bündnis mit ihrer zerstörerischen Kraft von kriegsentscheidener Bedeutung ist. Vor diesem Hintergrund ist ein MacGuffin wohl schwerlich ein passives „Ding“, dem sich ein Akteurcharakter absprechen ließe.

Nicht von der Hand zu weisen ist dagegen eine gewisse „Austauschbarkeit“, die Fuxjägers Vorstellung von Passivität zugrunde liegt. Es ist letztlich eine filmische Konvention, dass die Blackbox „MacGuffin“ nur soweit geöffnet werden muss, wie sie dem Netzwerk der Narrative nutzt. Um sich eines Beispiels des Autors zu bedienen: Die Baupläne des Todessterns, nach denen in George Lucas‘  Krieg der Sterne gejagt wird, müssen zum Erfüllen ihrer Funktion im Netzwerk nicht im Detail bekannt sein, könnten sogar durch ein anderes Objekt, in dem „Bedrohung“ oder „Siegesgarant“ eingeschrieben ist, ersetzt werden. Für die Kreuzfahrer in Antiochia erfüllte das Kreuz des Adhemar letztlich die Funktion, die eine zusehends in Zweifel gezogene Heilige Lanze im Werknetz nach dem Flammentod ihres Auffinders nicht mehr zu besetzen vermochte. Der Querverweis zu Hannes Ambergers Beitrags über die „Austauschbarkeit der Akteure“ scheint hier ziemlich konsequent: Sofern die wesentlichen Anschlüsse in das Netzwerk einpassbar sind, darf die darunter liegende Blackbox getrost geschlossen bleiben.

Das aus meiner Sicht vielleicht sympathischste Element des MacGuffins ist aber vermutlich seine Ungebundenheit an die (vermeintliche) Signifikanz eines gewählten Aktanten und an die „Natur“ von ebendiesem. Mit Blick auf eigene Beispiele muss ich nicht ganz unkritisch feststellen, dass die gewählten nicht-menschlichen Akteure der Beispiel-Werknetze mitunter derart herausragende, auch ohne ANT-Brille scheinbar mit Eigenleben erfüllte Dinge sind, dass sie das ganze Konzept ad absurdum füllen. Dass die Heilige Lanze 1098 einen Unterschied macht, erkennen wir auch ohne Latour, aber können wir von der Mauer von Antionchia das selbe behaupten? Der MacGuffin kann beides sein, so er sich denn in das gespannte Werknetz einpassen lässt. Übrigens: Wenn in diesem Beitrag an verschiedener Stelle von „Objekten“ die Rede ist, dann geschieht das entsprechend in der weitest möglichen Fassbarkeit des Begriffs: Indiana Jones‘ Jagd nach einem antiken Gegenstand kann ebenso sehr Motor der Handlung sein, wie die Suche nach einer Person, wie es so ziemlich jeden Sonntag im Tatort der Fall ist, oder aber eine reine Idee, etwa die in einem James Bond Film immerzu präsente Furcht vor einem Dritten Weltkrieg.

Gemäß Schublade 2 des vorstehenden ANTwerkzeugkastens der Heiligen Lanze als Fix- und Entfaltungspunkt in verschiedene Werknetze zu folgen, präsentiert eine gewisse, gleichbleibende Tiefenstruktur in den verschiedenen Kontexten, die sie bemühen. Indiana Jones und Tatort folgen nun mal immerzu der gleichen Formel, und das ist vermutlich auch der Grund, warum sie ein entsprechendes Publikum rekrutieren. Freilich beruht diese Modellhaftigkeit auf den Konventionen interaktionistisch orientierter, kommerzieller Sinnbildungsangebote. Aber Raimund von Aguillers wollte seinerzeit sicherlich keine Kinosäle füllen. Oder etwa doch? Die Tendenzen unserer letzten Seminar- und Blogdiskussionen deuteten immer mehr in Richtung einer Interpretation der Netzwerke auf der vorherrschenden Zugangsebene des Historikers zu seinem Gegenstand: Dem Text. Dass die Fried-Althoff-Debatte jüngst in den Blogbeiträgen wieder zu Worte gekommen ist, signalisiert vielleicht nicht zufällig bereits eine mit diesem Beispiel empfehlenswerter Weise einzuschlagende Route: Mit nicht unerheblicher Sympathie für Hayden White und die Wunder der Textästhetik mag hier vielleicht der Schlüssel liegen, wie man die Netzwerk-Freilegung mit einem Gespür für die Konstruktionslogik eines Urhebers historischer Quellentexte (und freilich auch ihrer Sekundärliteratur) durch einen MacGuffin mit Sinnhaftigkeit aufladen kann. Gerne möchte ich den Akteuren weiter über die Ameisenstraße folgen aber, mit Verlaub, auch diese folgt letztlich einer gewissen strukturellen Logik.

1 Behrendt, Esther Maxine. MacGuffin. In: Koebner, Thomas [Hrsg.]: Reclams Sachlexikon des Films. Stuttgart, 2002: 355.

2 Wer Hitchcocks Erklärung im Originalton nachvollziehen möchte, der mag einmal einen Blick auf diese nette visuelle Aufbereitung werfen, die auf einem Interview des Regisseurs mit dem französischen Filmkritiker François Truffaut beruht. 

3 Fuxjäger, Anton. Der MacGuffin: Nichts oder doch nichts? Definition und dramaturgische Aspekte eines von Alfred Hitchcock angedeuteten Begriffs. Maske und Kothurn 52,2 (2006): 139.

Drei Praxistipps für den ANTwerker

(1) Freeze: bewegungslose Akteure

Die Physik unterscheidet zwischen kinetischer und potentieller Energie. Erstere manifestiert sich in Bewegung, sie ist damit in Relation zu anderen Entitäten gut erkennbar. Potentielle Energie hingegen verharrt vorerst im Zustand bewegungsloser Ruhe. Dabei ist sie nicht notwendig inaktiv: Wie ein gespanntes Gummiseil oder eine komprimierte Sprungfeder kann sie durchaus kraftvoll auf andere Einheiten auswirken, indem sie sie in einer bestimmten Position hält.

Sind also auch bewegungslose Kraftquellen als Akteure aufzufassen? Die Metapher des Schachspiels mag hier weiterhelfen: Die einzelnen Figuren auf dem Brett sind aus Sicht der Spieler von Kraftfeldern umgeben, die ihre potentiellen Zug- und Schlagmöglichkeiten definieren. Diese unsichtbaren Potenzen machen „andere Elemente von sich abhängig“, übersetzen und begrenzen sie. Das Schachmatt tritt erst ein, wenn der König bewegungsunfähig gemacht wurde. Gerade in diesem Moment der Immobilität macht er den stärksten Unterschied.

Doch so einfach ist es nicht: Die ANT fokussiert auf Handeln, nicht auf Inaktivität. Sie will erfassen, wie viel „Energie, Bewegung und Spezifität“ jeweils im Spiel ist (NS, S. 228). „Fehlen die Bewegungen, so verschwimmen die Sinne“, so argumentiert Latour, der die Krise als Initialzündung einer ANT-Studie akzentuiert (NS, S. 226 – den Hinweis verdanke ich Herrn Amberger). Unsichtbare Gravitationskräfte sind gerade deshalb suspekt, weil sie im Verborgenen wirken. Latours Newton-Beispiel (siehe unten) besagt allerdings, dass sie letztlich nicht ignoriert werden dürfen. Die Werknetze sollten daher weniger als Bewegungssequenzen, sondern zutreffender als Vektorengefüge aufgefasst werden. Der ANTwerker ist demnach gehalten, auch die dunklen Ecken seines Netzwerkes auszuleuchten und die Aktivitäten seiner Hauptakteure sorgfältig auf verborgene Einflüsse zu überprüfen.

(2) Focus: Ein Akteur als archimedischer Punkt

Dies muss umso leichter fallen, wenn der ANTwerker den wichtigsten Slogan Latours: ‚Den Akteuren folgen‘ insofern modifiziert, als er ihn in den Singular (über-)setzt: ‚Folge einem Akteur!‘ Fokussiere auf eine Entität Deines Interesses und vollziehe seine Bewegungen im Zeitgefüge fluider Netzwerkverknüpfungen nach! Fast alle Beispielstudien unseres Blogs sind implizit dieser Maxime gefolgt. Methodisch besitzt sie einen gewichtigen Vorteil: Statt sich ständig aufs Neue die Frage zu stellen, welchem der unzähligen Akteure man sich im nächsten Absatz des ANT-Berichts zuwenden werde, wird diese Frage apriori entscheiden – transparent und unmissverständlich. Ein Einzelakteur dient als Fixpunkt gedanklicher Vergegenwärtigung. Aus seiner Warte lässt sich das komplexTreuepunkte Spiel der Assoziationen umso einfacher nachzeichnen, seine ‚Metaphysiken’ machen das Netzwerk beschreibbar. Treue zum Akteur erleichtert schließlich auf die schriftliche Fixierung, insofern sich ein lesbarer Text nicht in beliebig viele Handlungsstränge aufsplitten lässt.

(3) Zwangsrekrutiert und gleichgeschaltet? Texte als Netzwerke

Historiker haben es freilich schwer, einem Akteur zu folgen. Sie können in kaum real begleiten, ihm nicht durch teilnehmende Beobachtung beikommen. Statt dessen sind sie auf die Übersetzungsleistungen anderer angewiesen. Sprich: Sie bereisen das Land der Vergangenheit nicht selbst, sondern sind auf die Reiseführerliteratur angewiesen. Dabei ist ihnen bewusst, dass jedes einzelne Buch letztlich ein anderes Land beschreibt oder in der ANT-Terminologie: neu übersetzt.

Diese Übersetzungsleistung der Autoren ist interessengeleitet. Akteure werden nicht nur rekrutiert, sie werden auch ‚in Ordnung’ gebracht. Tendenziell konzipieren Reiseführer ihr Terrain als Blackbox, in der alle Protagonisten unter gleichen Vorzeichen erwartungsgemäß ihre Funktion erfüllen (den Hinweis verdanke ich Frau Sentkowski). Ähnlich funktionieren auch die Quellentexte der Vergangenheit: Sie unterwerfen ihre Protagonisten einer stringenten Handlungslogik, die sie zu reinen Zwischengliedern, zu Platzhaltern wirkmächtiger Narrative macht. Es ist durchaus reizvoll, dieses Blackboxing mit den Methoden der Textkritik nachzuvollziehen und auf diesem Wege zugleich zu durchkreuzen.
(siehe auch meinen Kommentar zu Herrn Ambergers Liutprand-Beitrag)

Der Autor: Diplomat oder Strippenzieher? Liutprand von Cremona

Sieht doch wirklich aus wie ein Hausesel!

Der Wildesel: Verhandlungspartner oder Spielfigur?
Manuskript der kgl. Bibliothek Kopenhagen, England, ca. 1300.

Der Autor, so Latour, fügt seinen Text dem Netzwerk hinzu. Er bewegt sich, vielleicht etwas entfernt, in der selben Welt wie seine Akteure, fügt ihr einen weiteren Aussichtspunkt hinzu, der ebenso voraussetzungsvoll, ebenso interessegeleitet und potentiell ebenso folgenreich ist wie die Aussichtspunkte der anderen Weltbewohner. Was Latour auf moderne Wissenschaftler zuspitzt, gilt prinzipiell für jeden, der einen Text produziert, umso mehr, wenn er dabei nicht einmal den Anspruch der Interesselosigkeit erhebt. In besonderer Weise ist Liutprand von Cremona betroffen, ein Bischof, Diplomat und Schriftsteller der Ottonenzeit, der sein u. a. mit seinem früheren Dienstherrn König Berengar befasstes historiographisches Hauptwerk bezeichnenderweise Antapodosis, „Vergeltung“ genannt hat und dessen Werk in weiten Strecken „allein von der Person des Verfassers bestimmt“ ist. (FSG VIII, 236). Mit subjektiven Eindrücken, wilden Polemiken und politischen Ratschlägen gespickt ist auch sein Bericht über seine erfolglose Gesandtschaftsreise im Dienst Ottos I. und II. an den Hof des byzantinischen Kaisers Nikephoros Phokas 968. Nach Latour dürfte Liutprand beim Schreiben nichts prinzipiell anderes tun als auf seiner Reise: Ein Anliegen vortragen, verhandeln, Bündnisse schließen und gegnerische Bündnisse aufbrechen.

Einige Bündnispartner, die der Kaiser angeworben hat, um seine Macht zu unterstreichen, scheinen geradezu Verrat zu begehen. Sie laufen zu Liutprand über und dienen nun dem gegenteiligen Anliegen. Wenn bei einer Prozession die Teilnehmer demütig barfuß gehen, findet Liutprand das nur beschämend; das mit Gold und Edelsteinen besetzte Festtagsgewand des Kaisers wurde für seinen Vorgänger angefertigt und macht ihn nur „hässlicher“; jeder Höfling der Ottonen kann hier hundertmal mithalten! Den weitläufigen Tiergarten des Kaisers findet Liutprand landschaftlich reizlos; die viel gepriesenen Wildesel gleichen den zahmen Eseln seiner Heimat – die sich aber wenigstens dem Menschen nützlich machen. – Aber sind es tatsächlich die Festgewänder und Wildesel, die aus eigener Machtvollkommenheit auf die Seite Liutprands und der Ottonen überwechseln? Oder sind sie passive Materie, die in jeder beliebigen Richtung „symbolisch aufgeladen“ werden kann und die in diesem Augenblick – der Situation, in der Liutprand seinen Bericht schreibt – ohne Widerstandsmöglichkeit der alleinigen interpretativen Kontrolle und spitzen Zunge des Cremonesers ausgesetzt sind?

Darauf deutet es hin, dass Liutprand die typisch byzantinische Art, das Fleisch zuzubereiten, mit Knoblauch, Zwiebeln und Fischlake, einmal überschwänglich lobt, einmal „stinkend“ findet. Hierbei kann freilich im ersten Falle Ironie vorliegen! Eindeutig sind die Widersprüche aber, wenn Kleidung aus „kostbarstem Purpur“, die Liutprand seinem Kaiser „zum Schmuck“ gekauft hat, im nächsten Moment gerade gut genug sein soll für eine Hure. Ganz entgegengesetzt fällt auch die Gesamtbewertung des Hofes in Liutprands Bericht zu einer früheren Gesandtschaftsreise 949 aus. So viel wird sich da doch nicht geändert haben! Die Phänomene am Hof, die Liutprand hier den Kaiser schmähen helfen, sind also mehr willenlose Marionetten. als eigenwillige Verbündete.

Ähnlich verhält es sich mit einer Episode von der Heimreise, die auf den ersten Blick wirkt wie von einem ANT-Soziologen konstruiert. Liutprand versäumt einen Besuch an der Leidesstätte des Apostels Andreas und gerät prompt in einen Sturm. Indem er nun den Apostel im Gebet die Wohltaten der Ottonenkaiser zugunsten des Papstes hinweist,  d. h. zugunsten Petri, d. h. zugunsten des Andreas, dessen „leiblicher und geistlicher Bruder“ Petrus ist, erreicht er eine sichere Heimreise; von den Kaiser fordert er in seinem Bericht als Vergeltung dieser Vorschusswohltat nun weitere kirchenpolitische Maßnahmen zugunsten des päpstlichen Primats (die freilich zu Ungunsten des Patriarchen von Konstantinopel ausfallen, der als Nachfolger des Andreas gilt, was Liutprand außen vor lässt). Symmetrisch verhandelt hier also mit klassischen Mitgliedern der Gesellschaft des zehnten Jahrhunderts einerseits, mit einem „Alien“ andererseits.

— Aber welche Widerspruchsmöglichkeit hat der Apostel? Der Sturm und sein Ende waren schon interpretationsoffen genug; die Forderung an den Kaiser ergeht nun nach dem Ende der Katastrophe. Selbst wenn eine neue Naturkatastrophe als Widerspruch käme – wer weiß, wie Liutprand sie interpretieren würde! Trotz des idealtypischen ANT-Szenarios scheint mir hier darum die klassisch-soziologische Grenzlinie zwischen „echten Gesellschaftsmitgliedern“ und „Aliens“, zwischen wirklichen Akteuren und toter Materie, mit der sie arbeiten, passender. Evtl. wäre auch eine kulturwissenschaftliche Perspektive einzunehmen: Liutprand wäre dann derjenige, der sich die ihm vermittelte Bildung, den Sturm, den Apostel Andreas etc. produktiv für seine Zwecke „aneignet“. Der Autor verhandelt nicht mit seinen Protagonisten, er zieht Fäden.

Wenn es hier aber eine Grenze gibt zwischen dem „aktiven“ Liutprand einerseits, den Wildeseln und dem Apostel Andreas andererseits: Auf welcher Seite dieser Grenze stehen die Fürsten von Capua und Benevent, die Verhandlungsmaterie zwischen Liutprand und den Byzantinern sind? Auf welcher Seite die – in Liutprands Bericht namenlose! – Kaisertochter, um die er für Otto II werben soll? Auf welcher Seite der Grenze steht selbst Kaiser Nikephor und all die anderen menschlichen Protagonisten in Liutprands Bericht, die höchst aktiv waren, aber sich zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht mehr wehren können? Wir sehen also auf der „passiven“ Seite der Grenzlinie eine sehr bunte Ansammlung von Menschen, Speisen, Kleidungsstücken und anderen Aliens. Wir sehen zweitens die Möglichkeit, von der aktiven zur passiven Seite überzuwechseln. Und bei genauem Hinsehen wird man drittens auch auf der „aktiven“ Seite der Linie eine ebenso gemischte Gesellschaft vorfinden wie auf der „passiven“. Wie es scheint, hat Latour doch recht.

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Die Stadtmauer und das Fürstentum von Antiochia

Sturm auf Antiochia, BnF fr. 5594, fol. 59v  Übernommen von: wikipedia/Wikigian

Sturm auf Antiochia, BnF fr. 5594, fol. 59v
Übernommen von: wikipedia/Wikigian

Die Stadtmauer von Antiochia ist ein relevanter Akteur im Verlaufe des ersten Kreuzzuges. Im folgenden Text analysiere ich den Akteur Mauer, um heraussaugende Merkmale von diesem zu benennen. Diese Untersuchung dient um den historischen Verlauf der Belagerung der Stadt im darauffolgenden Abschnitt nach zu vollziehen und den Einfluss der Mauer auf die Kreuzfahrer zu untersuchen. Am Ende dieses Textes nehme ich die Idee des Fürstentums Antiochia als Akteur auf und setze diesen in Zusammenhang mit der Stadtmauer und dem Kreuzfahrerheer.

Der folgende Abschnitt setzt sich philosophisch mit dem Akteur „Mauer“ – genauer Stadtmauer – auseinander. Ziel dieser Vorgehensweise ist es zahlreiche Eigenschaften des Akteurs herauszufinden. Die Mauer definiert sich demnach als stationäre Einrichtung, welche eine Siedlung umschließt und ihr dadurch Schutz bietet. Diese Schutzfunktion existiert nur durch die Materialität der Mauer, genauer damit ist die Massivität und Größe der Mauer gemeint. Des Weiteren definiert die Mauer gleichzeitig die Siedlung, welche Sie umschließt als Stadt. Somit besitzt die Mauer eine ordnende Funktion im Lebensraum von Menschen. Die Mauer dient somit zur Abgrenzung. Die Inklusion, welche die Mauer aufgrund ihrer bereits genannten Merkmale besitzt möchte ich an dieser Stelle betonen, ohne in ausschweifende Erklärungen zu verfallen. Jedoch existieren in jeder Stadtmauer auch Stadttore, diese erlauben es eine kurzzeitige sowie punktuelle Öffnung herbeizuführen. Ohne diese wandelbaren Mauerabschnitte gestaltet sich das Leben innerhalb der Stadt als unmöglich. Aufgrund der Entwicklung von Artillerie- sowie Luftwaffen existiert heute kaum noch ein Bedarf an der Befestigung von Städten durch Mauern.

Das Kreuzfahrerheer begann im Oktober des Jahres 1097 mit der Belagerung der Stadt, schlossen jedoch nie einen vollständigen Ring um die Stadt. Dadurch gelangen kontinuierlich Nahrungsmittel in die Siedlung, welches den ritterlichen Plan – die Stadt zur Aufgabe durch Belagerung zu zwingen – zunichte machten. Die Taktik der Kreuzfahrer kehrt die Eigenschaften der Mauer um. Aus dem Schutz, welchen die Mauer bot, sollte demnach Gefahr und Bedrohung – ohne Nahrung würden die Bewohner verhungern – werden. Darüber hinaus motivierte die gewaltige Mauer von Antiochia erst zahlreiche fürstliche Interessen. Durch ihren militärischen Schutz der Mauer erschien die Stadt erst eroberungswürdig. Daher stellte eine Eroberung der Stadt, welche mit Hilfe der Zerstörung der Mauer einhergeht, keine brauchbare Lösung da. Gerade die Mauer sollte erhalten bleiben, um die Siedlung ferner mit einem geringen Kontingent an Soldaten schützen und halten zu können.

Im Juni des Jahres 1098 entstand eine neuartige Bedrohung für die Kreuzfahrer, welche nach wie vor die Stadt erfolglose belagerten. Mittlerweile befindet sich ein türkisches Heer auf dem Weg nach Antiochia. Die Kreuzfahrer – vor allem die konkurrierenden europäischen Fürsten – befanden sich dadurch in Zugzwang. Diese Notsituation nutze der Fürst Bohemund von Tarent um die Stadt mit Hilfe einer List für sich einzunehmen. Bohemund, welcher einen Spion auf der Stadtmauer besitzt, vereinbart mit den übrigen Fürsten, dass der erste der die Stadt betritt über diese verfügen soll. Durch das anrückende türkische Heer bleibt den übrigen Fürsten im Kreuzfahrerlager keine Wahl, als der Vereinbarung zuzustimmen. Die List gelingt! Bohemund erklimmt mit Hilfe des Spions und einer Lederleiter die Mauern in der Nacht und öffnet dem Kreuzfahrerheer die Tore. Die Stadt ist eingenommen, Bohemund ihr Herrscher und die Stadtmauer weiterhin unbeschadet.

Bereits fünf Tage darauf erreicht das türkische Heer die Stadt und beginnt unmittelbar mit der Belagerung der Stadt. Die Kreuzfahrer erleben nun am eigenen Leib wie die Mauer einen Unterschied macht. Es befinden sich kaum noch Nahrungsmittel in der Stadt – die Mauer wird demnach zur Bedrohung. Aus diesem Grund ziehen die Kreuzfahrer vor die Tore der Stadt, um die gegnerische Armee zu vertreiben. Die Flucht nach vorne gelingt, die Kreuzfahrer schaffen es das türkische Heer zu vertreiben und es entsteht das Fürstentum Antiochia.

Wie wir sehen konnten ist die Mauer ein Akteur, welcher einen enormen Unterschied macht. Zwar gelingt es letztlich den Kreuzfahrern den Akteur „Stadtmauer“ zu überwinden, bzw. zu umgehen, jedoch nur durch die Herstellung neuer Verbindungen zwischen einzelnen Akteuren. Zu erst durchkreuzt das anrückende gegnerische Heer die Taktik der Kreuzfahrer, nach welcher sich die Stadt im Verlauf der Belagerung ergibt. Bohemund nutze derweil eine Absprache mit den Fürsten, welche es ihm erlaubt die Stadt seinem Herrschaftsgebiet einzuverleiben, solange er der Erste der Fürsten ist, welche die Stadt betritt. Diese Absprache besitzt enorme Wirkungsmacht. Erst durch diese neuartige Absprache gewinnt der Akteur Spion und Lederleiter an Relevanz, welche Bohemund bereits zuvor für sich rekrutiert hatte. Somit stellt die Idee des Fürstentums Antiochia für Bohemund einen Akteur da, welcher seine Handlungen nachhaltig beeinflusst.

Lassen Sie mich dies noch einmal genauer erklären. Bohemund befand sich im Wissen über das anrückende Heer des Gegners. Des Weiteren hatte er bereits den Akteur Spion – ohne Wissen der übrigen Fürsten – für sich rekrutiert und wartete demnach auf eine ideale Situation diesen Trumpf zu nutzen, diese bot sich nun. Daher bestand Bohemund darauf, dass der Erste der Fürsten, welcher die Stadt betritt darüber hinaus über diese verfügen sollte. Bohemund wurde daher von der Idee des Fürstentums Antiochia motiviert und rekrutiert. Zwar spielte ihm – Bohemund – das anrückende Heer in die Hände, jedoch gelang ihm erst durch den Spion und genauer dessen Lederleiter die Besteigung der Mauer. Durch die Erklimmung der Mauer gelang ihm gleichzeitig die Idee des Fürstentums Antiochia, durch die vorherige Absprache mit den Fürsten, umzusetzen und zu verwirklichen. Daher sehe ich die Idee des Fürstentums Antiochia eng verbunden mit dem Akteur Stadtmauer und deren Überwindung.

Quelle:

Gesta Francorum: Kapitel 12. The Fall of Antioch, in: Fordham University (http://legacy.fordham.edu/halsall/source/gesta-cde.asp#antioch1), 14.1.2015.